Zum Geburtstag - ein Überraschungsgast in Aldekerk

Also, die Schwester meiner Großmutter war verheiratet mit dem Großvater des Mannes, der in Aldekerk - heute heisst es Kerken -seinen siebzigsten Geburtstag feierte. Lange war ich nicht im Rheinland, aber telefonisch hatten wir immer wieder einmal Kontakt, verbinden mich doch mit seinem Elternhaus und dem seiner Geschwister in früheren Jahren viele Besuche. Und mit Vergnügen erinnere ich mich an seine Besuche bei uns in Krefeld, als er seinerzeit der Tradition seiner Vorfahren folgte und in meiner Heimatstadt das Handwerk des Konditors und Bäckers erlernte. Jahre später übernahm er dann mit seinem Bruder das elterliche Geschäft. Beider Brüder führten es viele Jahre weiter, bis auch sie sich zurückzogen. Die über 100 Jahre existierende Bäckerei und Konditorei Hoever, weit über Aldekerk hinaus bekannt, gibt es heute nicht mehr. Schade, denn gerne hätte ich noch einmal die Kuchenabschnitte probiert ( siehe unter Karriereplaunung in meinen Geschichten ) die mich als Junge schon oft in die Backstube von Onkel Hermann lockten.
 
Bei einem Telefongespräch fragte ich Matthias Hoever, womit ich ihm zu seinem 70ten eine Freude machen könne. Seine spontane Antwort war - wenn Du als Überraschungsgast kommst-. Wir sagen Niemanden etwas. Schön wenn Du kämst meinte er noch. Ich will es versuchen sagte ich. Vielleicht kann ich es mit einer Fahrt in meine Heimatstadt Krefeld verbinden, wo ich schon lange nicht mehr war. Und so kam es dann.
Am 25.August 2012 war ich nach langer Zeit wieder einmal in Aldekerk. Der Empfang fand im Haus Thoeren statt, ebenfalls seit über hundert Jahren bekannt für seine hervorragende Gastronomie und gepflegte Gastlichkeit. Ein Haus, das zum Niederrhein gehört und weit über die Grenzen von Aldekerk/Kerken hinaus bekannt ist. Nachdem ich Matthias begrüßt und gratuliert hatte, stellte ich mich in eine Ecke, eben so wie ein " Überraschungsgast " es macht. Viele Gäste, Freunde und Bekannte kamen, gratulierten und schauten sich um, wer sonst noch anwesend war. Die Blicke schweiften auch in die Ecke in der ich stand. Und dann hörte ich die Fragen : Kennst Du den ?  Dann kam meistens ein - nein - nie gesehen. Natürlich auch im rheinischen Dialekt, der in der Aldekerker Gegend schon einen leicht holländischen Einschlag hat. Gerlinde, meine Lebensgefärtin war schon an anderer Stelle des Saales ins Gespräch vertieft. Und immer wieder die fragenden Blicke in meine Ecke und nette Tuscheleien, wer denn dieser Mann wohl sei. Dann kam Hermann-Josef, der Bruder. Er war wohl ins Vertrauen gezogen. Schön ihn ebenfalls nach Jahren wieder zu sehen. Und dann kamen die beiden Schwestern Gertrud und Josefine. Ich stand immer noch in der Ecke und war gespannt, ob sie mich wohl sehen und sofort erkennen würden. Als " Eckensteher " wurde ich zuerst nicht wahrgnommen. Als die Schwestern sich umschauten, blickten sie ungläubig in "meine Ecke". Ihren fragenden Blicken war zu entnehmen - ist Er das -? Dann hatten sie mich erkannt. Es war nach vielen Jahren eine fröhliche Begrüßung. Dann kamen noch Werner Hoever und seine Frau Margret, die mich schon mal in Kiel besuchten, wenn sie bei ihrem Sohn waren, der hier in Kiel tätig ist. Die Überraschung war gelungen. Ich konnte nun " meine Ecke " verlassen und mich zu den anderen Geburtsgästen gesellen. Inzwischen hatte sich herum gesprochen, dass ich der Enkel der Schwester der Großmutter von Matthias Hoerver und seinen Geschwistern bin, dessen Herz noch immer ein wenig an der Aldekerker Familie hängt, auch wenn er in den letzten Jahrzehnten kaum dort war. Noch immer sehe ich sie vor mir, Tante Käthe, die so ein wenig das Regiment im Haushalt führte, Tante Lucie und Onkel Hermann, die im Geschäft und Backstube arbeiteten. Tante Christine, die immer Stina genannt wurde, was mich stets ärgerte, weil wie ich denke, man eine Frau nicht so nennt, wenn sie einen so schönen Namen wie sie hat. Und dann Onkel Josef, den Maler und Fotografen. Meine Gedanken gehen auch zurück zu seinen Söhnen Franz und Josef, und der Tochter Katharina, denen es nicht mehr vergönnt war, am 70.ten Geburtstag von Matthias Hoever in Aldekerk unter uns zu sein. Ein altes Foto zeigt einen Teil der Familie. Ganz rechts im Bild steht meine Mutter, deren Bild als achtjähriges Mädchen als Engel heute noch über dem Hauptaltar in der Kirche zu sehen ist. Werner Hoever war so nett, mit mir die Kirche zu besuchen. So konnte ich es zum ersten mal selbst sehen. Und ganz vorne, neben meiner Mutter steht im schwarzen Kleid mit weisser Bluse meine Großmutter. Zuerst war sie es, die nach dem frühen Tod ihrer Schwester Gertrud die Verbindung zur Aldekerker Familie pflegte, was meine Mutter später fortsetzte, bis sie zu uns nach Kiel zog, wo sie im Kreis unrerer kleinen Familie bis zu ihren 87.ten Lebensjahr unter uns weilte.
 
 
ZUM SIEBZIGTSEN
 
 
 
Ein skeptischer Blick in die Kamera. Aber ganz richtig verwies Matthias Hoever in seiner Einladung auf den ersten Artikel des " Kölner Grundgesetzes" der sagt " ET ES WIE ET ES " , man kann auch sagen, SIEH DEN TATSACHEN INS AUGE.
Und ich hatte sofort den Eindruck, dass Matthias Hoever das mit Bravour tut.
Matthias - Hans - Gerlinde - Hermann-Josef
 
 
Gisela, die charmante Frau von Matthias
 
 
Auf meine Frage, ob denn nun keiner seiner Freunde etwas zu seinem Geburtstag sagen würde, antwortete Matthias mit einem etwas "brummigen" Nein.
Also habe ich dann ans Glas geklopft und ein paar kleine Geschichten aus meiner Erinnerung erzählt.
 
 
Verwandte und Freunde
 
 
Erinnerung an die Bahnfahrten mit meiner Großmutter nach Aldekerk. Und Erinnerungen an den alten Bäcker Matthias Hoever, einen Mann, vor dem ich als Junge Respekt hatte. Leider haben die Enkel ihn nicht mehr gekannt.
 
 
Und Erinnerungen an Tante Käthe, die in der Küche das Regiment führte und seinerzeit auch noch im Cafe tätig war, dass in einem Raum an der Ecke Rheinstrasse lag. An die Eismaschine über die sie im Sommer im wahrsten Sinne des Wortes wachte. Und an den Kuchen, ohne den man nicht weg kam.Und Erinnerungen an die Mutter der Geschwister, die mir immer als Dame ganz unwirklich vorkam, in Aldekerk im Bäckerladen. Und natürlich auch an Onkel Hermann und Onkel Josef.
 
Und irgendwie finde ich es lustig und auch etwas komisch, wenn ich heute mit meinen 84 Jahren von Onkeln und Tanten schreibe oder spreche. Aber sie waren es ja schließlich.
 
 
Erinnerungen an die Kriegszeit. Zwischen den Häusern von Onkel Hermann und Onkel Josef befand sich der Schweinestall. Es gab über den Hof eine Verbindung zu beiden Häusern. Nie fuhren wir ohne ein großes Paket zurück nach Krefeld, wo man auf Lebensmittelkarten manchmal nur 50 oder 100 Gramm Fleisch in der Woche bekam.
 
 
Und bevor die " Kuchenschlacht " mit den exellenten Hoeverschen Kuchen und Teilchen begann, noch einmal ein Überblick und Rückblick auf Alle und Alles was mich bis heute mit Aldekerk verbindet. Lustiges und Wehmütiges.
 
 
Dann noch alle erdenklich guten Wünsche, nicht nur für Matthias, sondern für alle die zu seinem Geburtstag gekommen waren, verbunden mit meinem Wunsch, dass es nicht mein letzter Besuch in Aldekerk war.
 
 
Die Hoeverschen Häuser in der Hochstrasse
 
 
Blick auf ein Bild an einem alten Gasthof, zu dem um 1800 und später auch eine Bäckerei gehörte, die von Hubert Haffmanns betrieben wurde. 1825 kam dann Johann-Matthias Hoever aus Neukerk nach Aldekerk und heiratete die Tochter Gertrude der Familie Haffmanns. Dieser Johann-Matthias Hoever war der Ur-Urgroßvater von Matthias und seinen Geschwistern, die alle noch heute in Aldekerk und benachbarten Orten leben.
 
 
Der Rückweg nach Krefeld führte uns durch alte Alleen und Landstrassen,die mit ihren hohen Bäumen ein Merkmal meiner niederrheinischen Heimat sind.
 
Ein paar Jahre später, er war gerade 73 Jahre, am 24. September 2015 erreichte mich die Nachricht, dass Matthias an einer plötzlich auftretenden, schweren Erkrankung verstarb. Ich bin sehr froh, dass ich seinen Wunsch erfüllen konnte, als Überraschungsgast zu seinem 70. Geburtstag noch nach Aldekerk zu kommen.
 
 
 
 
 
 

 

Auch das ist eine der unbekannten Seiten von Matthias Hoever. Es ist nicht die Einzige.